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Sonnenschein und Borstensträubnis

Wolfsturm Südostwand
Mann, war das ein Hin und her mit der Organisation der Hinfahrt um das zweite Oktoberwochenende! Nachdem alle kreuz und quer, jeder mit jedem mindestens dreimal telefoniert und getextet hatte, Absagen, Zusagen, unvorhergesehene Zwischenfälle und neue Konstellationen sowie Abfahrtszeitenveränderungen in allen Varianten mehrfach durchgespielt waren, kristallisierte es sich schließlich heraus, dass einige zum Bofen in die Schrammsteine fuhren und der Rest zu verschiedenen Zeiten in der Ponderosa sein Lager aufschlagen wollte. Gottseidank hatte Chrille in all dem Tohuwabohu den Überblick behalten und stand am Freitagmittag mit Qbi vor meiner Haustür.


Mittlerweile war die Zeit leider schon etwas fortgeschritten, sodass uns der nachmittägliche Stau etwas an den Nerven zehrte. Wollten wir doch zum Wolfsturm und dort große Heldentaten vollbringen! Unter angeregten Gesprächen kamen wir in Sachsen an. So ganz hell war es da dann aber auch nicht mehr, als wir am Beutenfall eintrafen und schnurstracks in die Affensteine eilten. Nun ja … Große Ereignisse werfen große Schatten. Der Wolfsturm war immer noch genauso hoch und abweisend wie beim letzten Mal. Da sich die Feuchtigkeit in der benachbarten Nadel hartnäckig gehalten hatte, beschlossen wir, die Nadel zu verschieben und den benachbarten Koloss mutig und couragiert anzugehen (Wie denn sonst?!)Frank quert in der Ausstiegsriss
Der war schon ehrfurchtgebietend! Also richteten wir erstmal einen schönen Standplatz für den Sicherungsmann ein, damit ich die herrliche Krabbel- und Kriechquerung unter dem Dach halbwegs gefahrlos absolvieren konnte. Schließlich ging es dort gefühlt schon knapp zehn Meter in die Tiefe. Die direkte Einstiegsvariante per garstig anzuschauendem, sandigem Überhangsriss konnte mich nicht sofort überzeugen, einzusteigen. Somit wurschtelte ich mich an einer windigen Schlinge ums Eck herum und entdeckte eine schönere Möglichkeit. Schöner heißt aber nicht entspannter, denn das Seil lief in herrlichem 90-Gradbogen um die Ecke herum und musste erst einmal über den Überhang geworfen werden. Es gelang schließlich im ca. achten Versuch. Das ging ja gut los! Na dann mal rein ins Vergnügen! Die Südostwand ( VIIIc ) sollte noch im Hellen bezwungen werden. Sehr ambitioniert, meine Herren! Es ging zunächst mit einem sehr henkligen Riss recht entspannt in die Höhe, wobei mir die vielen Schlingenlegemöglichkeiten ausnehmend gut gefielen. Südostwand VIIIc am Wolfsturm, Frank kurz vor dem VorgipfelDer erste Ring war nur noch acht Meter entfernt! Leider wuchsen mit jedem Meter die Schwierigkeiten. Umgekehrt proportional dazu sank die Lichtintensität. Schneller klettern war also angesagt.
Wie im Teufelsturmkommentar angekündigt setzte nun leichte Borstensträubnis ein, da der Weg zum Ring durch härter werdende Kletterzüge und nur noch schmale Einlitzer-Sicherungsschlingen geprägt war. In der Querung lag dann nichts mehr, sodass ich mich, nach kurzem Luftholen, etwas angespannt an kleiner werdenden Griffen auf Reibungstritten hinüber hangelte. Uiuiui! Da waren sie wieder, meine drei Probleme: Keine Griffe, keine Tritte und keine Sicherungsmöglichkeiten.
Ganz so arg war es dann aber doch nicht und so schnappte, von einem erleichterten Seufzer meinerseits begleitet, die Exe in den Ring ein. Jetzt ging es richtig zur Sache! Oha, das sah finster aus, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Dunkelheit brach über uns herein und die nicht vorhandenen Tritte waren jetzt noch schlechter zu sehen. Was also tun? Wir entschieden uns dafür, das Seil zu belassen und morgen wiederzukommen. Meine Hände sahen mittlerweile schon wieder nach einem konzentrierten Wildkatzenüberfall aus. Der Abend verlief ruhig. Alle Jugendlichen waren eingetroffen. So ergaben wir uns dem Rausch – der eine mehr, der andere weniger - und harrten des neuen Tages.Qbi im Nachstieg in der Südostwand vom Wolfturm
Frisch ans Werk hieß es am nächsten Morgen! Leider war der Himmel wolkenverhangen. Der Wetterbericht verhieß Regen am Mittag. Also flugs ins Automobil gestiegen und hinein ins Glück. Das Seil hing noch dort, wo es gestern auch schon gehangen hatte. Das war schön, denn so gestaltete sich der Aufstieg zum ersten Ring recht entspannt. Das Anklettern des zweiten erwies sich, in meinen Augen als Hauptschwierigkeit. Per offenem Handklemmer ging das Aufstehen zwar ganz gut, aber das Klinken war dann doch eine sportliche Nervenprobe! Nochmal: Uiuiui! Nun sollte die Schlüsselstelle kommen: eine Querung in die Ausstiegsverschneidung. Das war alles sehr anspruchsvoll, ging aber per Fingerloch ganz gut. Der Ring unweit neben mir auf Bauchhöhe tat sein Übriges, um mir etwas Mut einzuflößen. Durchziehen war angesagt. Dann Schlinge legen. Uff! Nur noch ein paar Meter bis zum Vorgipfel. Doch was war das? Die Ausstiegshangelrippe glänzte moosig-grün im Morgenlicht. Leicht feucht war sie auch. Das durfte doch nicht wahr sein, so kurz vor dem Ausstieg! Gottseidank waren da ein paar Spalten, die ich prophylaktisch erstmal mit drei Schlingen vollstopfte. Das müsste halten. Also in die Hände gespuckt, Rippe gepackt und hoch. Zum dritten Mal: Uiuiui! Doch, Hurra! Links gab es ein Dreifingerloch. Rein mit den Fingern, durchgezogen, den zart erhabenen Ausstiegsbuckel gepackt und im eleganten Robbenstil auf den Vorgipfel gewälzt. Alter Schwede! Aber ich war ja noch nicht am Ziel. Auf den Gipfel ging es nur per leicht feuchtem Reibungsrinnenausstieg. Nicht mehr schwer, aber auch nicht ganz ohne. Die letzte Sicherung lag ja ums Eck, ungefähr drei Meter tiefer. Dreimal musste ich ansetzen, aber dann Augen zu und durch. Da war er, der Gipfel. Puh!Judith im AW vom Wolfsturm
Qbi wollte als nächster und wählte den Direkteinstieg. Sein Schnaufen war bis oben gut zu hören. Auch er hatte gut zu tun, die schwierigen Passagen zu überwinden. Plaisirklettern geht sicher anders. Aber er gab alles und gesellte sich zu mir auf den Gipfel – schweißgebadet, aber glücklich. Im Gipfelbuch fanden wir die gesamte (sächsische) Kletterprominenz verzeichnet. Beeindruckend! Auch Thomas kämpfte sich tapfer nach oben, während Judith und Chrille den AW vorzogen, wenn auch quasi gezwungenermaßen, auf Anregung von oben. Was für ein Brecher!
Während Micha und Tom M. es sich lieber an der Gamshornspitze gutgehen ließen, versuchte ich mit Qbi noch den Südostriss an der Wolfsnadel. Leider mussten wir uns aber am Ring des AWs geschlagen geben, da die Feuchtigkeit überhandnahm und die letzten vier Meter einfach zu unkalkulierbar waren, um ein Weitersteigen zu riskieren. Schade!
Herdi, Thomas und ich zogen uns dann vorzeitig zur Eierlikörverkostung auf die Ponderosa zurück, während die anderen noch weitere Gipfel erstürmen wollten. Ein aufziehendes Gewitter verhinderte dies aber dummerweise, sodass wir uns alle bei Speis und Trank bis in die Nacht hinein vergnügten.
Am Sonntag strahlte die Sonne wieder an einem azurblauen Himmel. Keiner hatte Lust auf Höchstleistungen, aber ein bisschen Genussklettern sollte schon noch sein! In Rathen war zwar der Parkplatz belegt, aber wir trafen, sternförmig anmarschierend in traumhafter Kulisse am Wartturm wieder aufeinander. Das war genau das, was uns allen vorschwebte: kleine, aber feine Gipfel im Sonnenschein – trocken und entspannt – und das alles mit dem überirdisch anmutenden Panorama der Sächsischen Schweiz und der Elbe im Rücken. Zitat Qbi: „Es ist hier derart unwirklich schön, dass mir gleich die Tränen kommen.“ (sinngemäß) Thomas am Überhang
Rasch füllten sich die umliegenden Gipfel mit Seilschaften. Chrille und Tom heimsten alle vier Gipfel ein (Bergpirat, Musketier, Margaretenspitze, Thorsteiner Turm). Herdi, Judith, Micha, Qbi, Thomas und ich erstiegen drei davon (ich hoffe, das ist korrekt) über AW, Südweg, Südwand, Südwestverschneidung etc., sonnenhungrig wie wir waren.
Qbi leistete dann etwas Überzeugungsarbeit, was zur Folge hatte, dass wir uns den Basteiturm vornahmen und eine wirklich grandiose Sonnentour (Neuer Talweg) besteigen konnten. Was für eine schöne Kletterei, an manchmal etwas filigranen und abbruchgefährdeten Schuppen, die uns aber beiden ein glückliches Lächeln ins Gesicht zauberte. Es war ein hervorragender Genussklettertag, der durch Judiths souveränen Vorstieg über die Hasse-Route am Bergpiraten seinen angemessenen Abschluss fand. Judith steigt am Bergpirat vor.Wobei ich ein wenig neidisch wurde – hatte sie doch meinen Weihnachtsbaumstil noch perfektioniert und war schön mit Schlingen und Bommeln in allen Farben und Größen behängt (Siehe auch das Foto in Heikos Hütte: Immer nur das allernötigste an Sicherungsmaterial mitnehmen!) Beschwingt wanderten wir durch den frühherbstlichen Wald zum Parkplatz zurück, genossen dort unser spätes Bergsteigermenü, bestehend aus Harzer Käse, Backpflaumen, Würsteln, Hummus und Bier und fuhren in die Nacht hinein, zurück in die Heimat.

(Frank T. aus B.)

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